"Sepp, jetz geht's dahi", eine bayerische Kulturgeschichte

28.11.2019 20:18 von Anton Hötzelsperger

„Sepp, jetz geht’s dahi“ war der Titel einer Veranstaltung im Sailer Keller in Traunstein und der Titel eines Buches von Peter Dermühl. Veranstalter waren die Stadtbücherei Traunstein und der Verein Bairische Sprache. Anette Hagenau, Leiterin der Stadtbücherei, begrüßte das Publikum im Saal, der bis auf den letzten Platz gefüllt war, den Autor Peter Dermühl, Heine Albrecht, den Leiter der Musikschule Traunstein, der die Lesung mit seiner Ziach gefühlvoll begleitete und Rudi Mörtl, den Vorsitzenden des Vereins Bairische Sprache. „Sterben ist modern, es wird wieder mehr gestorben“ zitierte Anette Hagenau einen Kabarettisten. Zweifellos wird dieses Thema nicht mehr so stark verdrängt, wie es bis vor kurzem der Fall war. So gibt es z. B. eine CD mit Sterbeliedern von den Gebrüdern Well und Gerhard Polt.

Peter Dermühl, ein gebürtiger Niederbayer hat in seiner Lesung die Zuhörer durch die bayerische Kulturgeschichte vom Sterben und dem Tod geführt. Pragmatisch, unerschrocken, fast schon humorvoll und manchmal geradezu rebellisch – das Verhältnis der Bayern zum Sterben und zum Tod war schon immer besonders. Hinzu kam eine Vielzahl an Bräuchen und Traditionen, die den Übergang ins Jenseits regelten. Nichts wurde dem Zufall überlassen, die Rituale wurden sorgfältig befolgt. Der Tod war in der Familie, einschließlich der kleinen Kinder gegenwärtig: Gestorben wurde daheim, im Kreis der Familie, der Pfarrer kam zur letzten Ölung, die „Leichenbitterinnen“ machten das Ereignis bekannt und luden zum Begräbnis ein, dem Toten wurde das Totenhemd und darüber sein bestes Gewand angezogen, er wurde auf das Totenbrett gelegt, der Sterberosenkranz wurde gebetet, der Verstorbene wurde von sechs Männern im Sarg oder auf dem Totenbrett zum Friedhof getragen und nach der Beerdigung ging es zum Wirt. Und da haben alle Angehörigen, Nachbarn und Bekannten dazugehört.

Heute erfahren wir den Tod über die Medien, gestorben wird in Pflegeheimen und Intensiv- und Palliativstationen, Bestattungsunternehmen übernehmen den Toten und alle damit verbundenen Arbeiten und die heute übliche Urne wird oft nur im engsten Familienkreis beigesetzt oder die Asche über dem Ozean verstreut.

Den Anstoß für Peter Dermühl zu seinen Betrachtungen über den Tod, den „Boandlkramer“  hatten letzten Endes Paul Ernst Rattelmüller und Wastl Fanderl gegeben. Die Urfassung mit dem Boandlkramer stammt aus dem „Brandner Kasper“ von Franz von Kobell. Die Kirche war damals entsetzt und sprach von „Gotteslästerung“ Das Stück wurde schließlich von Kurt Wilhelm verfilmt und derzeit steht eine weitere Verfilmung an d. h. der Stoff ist aktuell. Ludwig Thoma hat den „Brandner Kasper“ von Franz von Kobell ebenfalls aufgegriffen und in seiner Satire „Der Münchner im Himmel“ daraus den Dienstmann „Alois Hingerl“ gemacht.

Der niederbayerische Pfarrer und Volkskundler Josef Schlicht hat eine Geschichte aufgezeichnet, die zu dem Titel des Buches von Peter Dermühl geführt hat. „Sepp, jetz geht’s dahi!“ hat ein Bauer, der sich zum Sterben hingelegt hatte, nach seinem Nachbarn und besten Freund gerufen. Dieser sollte ihm aus dem Gebetbuch vorlesen. Kurz darauf fühlte er sich etwas besser und schickte den Freund wieder weg mit den Worten: „Sepp lass s bleibn, i glaab, da Herrgott hot mi überbladlt.

Das Sterben und der Tod haben sich gewandelt: Vom Sterben in der Gemeinschaft zum Sterben in der  Einsamkeit der Krankenhäuser, vom Priester zum Bestatter, vom Tod als vertrauten Partner bis hin zu seiner Verdammung. Es gibt Anzeichen, dass der Schritt zum digitalen Gottesacker und zur Trauer online unmittelbar bevorsteht, denn bei einem Verstorbenen schaut man per Mausklick eher vorbei, als durch einen Gang aufs Grab.

Nähere Informationen gibt es unter www.sprache.bayern

Bericht: Rudi Mörtl, Verein Bairische Sprache.

Fotos: cw

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